Aquarium übersiedeln: wie?

Dieses Thema im Forum "Allgemeines zum Thema Aquaristik" wurde erstellt von Jürgen Ha, 21. Juni 2003.

  1. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    Was tun, wenn man mit dem Aquarium übersiedeln muss?

    Einige Lösungsvorschläge, die ich selber ausprobiert habe und die - wenn man die Übersiedelung plant - viel Stress ersparen können.

    Einfache Methode:

    In der neuen Wohnung ein neues Becken eingerichten, "einfahren" lassen und die Fische nach 1-2 Wochen übersiedeln.

    Service-Methode:

    Beim Zoo-Händler oder bei Freunden fragen, ob für die Dauer der Übersiedelung ein Becken mit Technik gemietet oder geliehen werden kann. Wenns möglich ist: das Becken daheim aufstellen, den alten, eingefahrenen Filter + Heizer installieren, Wasser vom alten Becken ins Leihaquarium umfüllen, Fische umsetzen.
    Das Leihaquarium kann ruhig auf dem Boden (mit Unterlage) stehen, ist ja nur eine Übergangslösung. Eine Einrichtung mit Kies oder Pflanzen kann man sich sparen, Versteckmöglichkeiten bei territorialen Fischen müssen aber bleiben.
    Das alte Aquarium auf dem neuen Standplatz aufstellen, den (alten oder neuen) gewaschenen Kies reingeben, Pflanzen einsetzen, mit Frischwasser befüllen, die (geliehene) Technik, also: Filter, Heizer, ev. Luftpumpe, installieren. Wasseraufbereiter zugeben, nitrifizierende Bakterien zugeben und das ganze mindestens einen Tag ohne Fische laufen lassen.
    Am nächsten Tag das "alte" Aquarium entleeren, die "alte" Technik im Aquarium-Neu installieren, Temperatur prüfen und die Fische einsetzen.
    In den nächsten Tagen und Wochen den Nitritgehalt kontrollieren!

    Transport der Fische:

    Wenn man um den genauen Zeitpunkt der Übersiedelung bescheid weiss, sollte man die Fische einen Tag vorher nicht mehr füttern, um eine unnötige Belastung des Transportwassers durch "Stresskotung" zu vermeiden.

    1. Transport der Fische in Beuteln:
    Gibts im Zoo-Fachhandel zu kaufen; je nach Grösse der Tiere nicht mehr als 10 Fische in einen Beutel geben.
    Territoriale oder unverträgliche Arten werden einzeln verpackt. Damit sollte eine Transportzeit von etwa 2 Stunden kein Problem sein (im Hochsommer/Winter auf die Temperaturen achten!). Die Beutel werden DUNKEL in Styroporkisten, Tüten oder Schachteln transportiert. Grund: bei Dunkelheit reduzieren die Fische ihren Stoffwechsel und verbrauchen weniger Sauerstoff.
    Discusfische, grosse Welse oder Buntbarsche werden in Beuteln transportiert, die doppelt genommen werden. D.h: zwei Beutel werden ineinander gesteckt und einzeln oder doppelt mit Gummiringen verschlossen.
    Grund: die spitzen Rückenflossenstrahlen bzw. Brustflossenstacheln der Fische könnten sonst durch den einzeln genommen Beutel stechen und diesen auslaufen lassen.

    Transportzeiten über etwa 2 Stunden:

    Transportwasser vorbereiten, indem man Leitungswasser in Kübeln etwa 3 Tage abstehen lässt und mit einem Stabheizer temperiert. Zum raschen Erwärmen des zimmerwarmen Wassers kann man auch eine geringe Menge heisses Wasser verwenden. Man kann in dieses Transportwasser einige Tropfen Wasseraufbereiter geben, der die Schleimhaut der Fische schützt. Von vorbeugender Medikamentierung im Beutel (gegen was eigentlich?) rate ich ab.

    Wenns schnell gehen muss kann man die Tiere auch in derart aufbereitetem Transportwasser halten: 50 % Aquariumwasser, 50 % frisches temperiertes Leitungswasser + ein paar Tropfen Wasseraufbereiter.

    Das Einsetzen ins Aquarium nimmt man dann so vor, als hätte man die Fische eben erst im Zoo-Geschäft erworben. Also: Temperaturanpassung + Angleich der Wasserqualitäten vornehmen. Das Transportwasser kann man diesmal ausnahmsweise mit ins Becken geben, weil ja keine "Neuen" ins Aquarium kommen. Nachdem es aber einiges an abgesondertem Urin+Kot+Schleimhaut enthält würde ichs besser wegschütten. Also: die Fische mit einem Netz oder mit der Hand (Welse!) aus dem Beutel nehmen und vorsichtig einsetzen.

    2. Transport der Fische in Kübeln:
    Kübel mit Deckel (Lebensmittelecht!) im Baumarkt besorgen. Der Deckel soll verhindern, dass die Fische während des Transportes herausspringen. Wenn kein Kübel zur Verfügung steht kann man auch eine Plastiktragetasche aufschneiden und mit Klebeband den Kübelrand fest umwickeln. Als Transportwasser abgestandenes, temperiertes Leitungswasser oder ein "rasch" hergestelltes (50:50) - wie bei der Beutelmethode beschrieben - verwenden.
    Je nach dem wie lange die Fische unterwegs sind können mit dieser Methode, abhängig von der Grösse, bis 25 Fische pro Kübel transportiert werden.

    Das Einsetzen der Fische nimmt man dann so vor: 50 % des Kübelwassers (Transportwasser) ausleeren und mit Aquariumwasser "NEU" (dem Aquarium entnehmen, am Besten mit einem Schlauch) auffüllen. Dann 10 Minuten warten und die gleiche Prozedur wiederholen. Nach weiteren 10 Minuten kann man die Fische mit dem Netz oder mit der Hand herausfangen und ins Aquarium geben. Wasseraufbereiter zugeben! Nitritgehalt die nächsten Tage und Wochen kontrollieren!

    Discusfische, Scalare, Uaru oder andere Fische mit grosser Hautoberfläche werden so transportiert: in den Kübel eine Plastiktragetasche oder einen XL-Fischtransportbeutel (Koibeutel) geben. Dann das temperierte Transportwasser bis 2/3 des Kübelvolumens IN die Tüte füllen. Dann die Fische einsetzen und - wenn man keinen Deckel für seinen Kübel hat - oben wie beim Fischtransportbeutel (aufgeblasen) gut verschnüren.
    Grund: Discusfische scheuern sich oft die Schleimhaut an den rauen Kübelwänden ab und sehen dann "zerkratzt" aus. Die Plastiktasche verhindert diese Schleimhautverletzungen.

    Gut zum Transportieren von Zierfischen eignen sich auch Kühlboxen. Sie sind stabil, haben einen Deckel und isolieren im Winter gut gegen Wärmeverlust, im Sommer gut gegen "Überhitzung" im zu warmen Auto.

    Von der Verwendung von Sauerstofftabletten rate ich eher ab. In den Beuteln und Kübeln kann es zu Verätzungen der Kiemen oder Fischschleimhaut kommen! Die Tabletten (z.B. Hobby OXYLETTEN) lassen sich auf die geringe Wassermenge nur schwer dosieren.

    Als Transporthilfe könnte man über längere Strecken auch batteriebetriebene Luftpumpen (oder Kompressoren für den Zigarettenanzünder) zum Belüften der Fischtransportbehälter verwenden. Auch die Mitnahme von "frischem", abgestandenem Transportwasser ist eine Möglichkeit, die Fische vor dem Ersticken in den Beuteln zu bewahren. Wenns dramatisch wird und die Fische schon an der Wasseroberfläche hängen oder zu torkeln beginnen: sofort zum nächsten Wasserhahn und 70 % des Transportwassers gegen frisches, temperiertes Wasser austauschen. Das belastet zwar die Fische ganz erheblich, sichert aber (in den meisten Fällen) das Überleben der Tiere.

    Nach jeder grösseren Übersiedelungsaktion besteht die Gefahr, dass sich als Folge des Stresses Krankheiten ausbreiten können. Wenn man auf Nummer sicher gehen möchten, dass das nicht ausgerechnet am Wochenende passiert, deckt man sich VOR der Übersiedelung mit den wichtigsten Präparaten (eins gegen Ichtyopthirius multifiliis, eins gegen Oodinium und ein antibakterielles Präparat) ein.

    Wie bei jeder Neueinrichtung, und bei einer Übersiedelung mit Kiesreinigung- oder Kiesaustausch handelt es sich de fakto um eine solche, muss in der Folge der Nitritgehalt überprüft werden.

    Diese Vorgangsweise kann übrigens auch ohne Probleme angewandt werden, wenn mal eine "Jahrhundertreinigung" mit kompletter Entleerung des Beckens oder ein Kieswechsel ansteht.

    "Schnelle"-Methode:

    Man hat KEIN Leihaquarium bekommen oder konnte sich keines kaufen und der Umzug muss innerhalb eines Tages abgewickelt werden: was tun?

    In dem Fall wirds allerdings stressig, sowohl für die Fische als auch für dich.

    Man könnte nach folgender Methode vorgehen: Beispiel für ein 112 Liter Aquarium

    1. Sichern von mindestens 1/4 des alten Aquariumwassers in Kübeln (bei einem 112 Liter Aquarium sind das 3 Kübel oder ca. 30 Liter Wasser)
    2. Abbau des Aquariums
    3. Transport der Fische, aufgeteilt auf die 3 Kübel. Bei längeren Fahrtzeiten: Kübel belüften, Austausch-Transportwasser mitnehmen
    4. Aufstellen des Aquariums am neuen Standort
    5. Sammeln der Fische in einem Kübel
    6. Das Transportwasser der 2 anderen Kübel ins Aquarium giessen. Den gewaschenen Kies hast du schon vorher reingegeben!
    7. Das Aquarium ist nun zu etwa 1/5 gefüllt. Jetzt die Fische ins Aquarium geben.
    8. Das Wasser des letzten Kübels ins Aquarium giessen. Das Aquarium ist nun zu etwa 1/4 gefüllt
    9. Das Aquarium mit temperiertem Leitungswasser (frisch aus der Leitung) bis zur Hälfte auffüllen. Am besten wärs wenn man dafür bereits in der neuen Wohnung abgestandenes Wasser zur Verfügung hätte, das einige Tage abstehen konnte. Das 'neue' Leitungswasser hast du natürlich auf seine chemische Beschaffenheit vorher überprüft und nimmst entsprechende Korrekturen (pH-Wert, Härte) vor.
    10. Filter und Heizer nach Gebrauchsanweisung installieren und das halbvolle Aquarium einmal 2 Stunden "laufen" lassen. In der Zwischenzeit können die Pflanzen eingesetzt werden. Wichtig: gib reichlich Wasseraufbereiter ins Aquarium, um Krankheiten vorzubeugen und die Schleimhäute der Fische zu schützen!
    :arrow: Bitte reinige den normal verschmutzten Filter nichtvor oder während des Umzuges! Sonst könnte ein massives Nitritproblem die Folge sein.
    11. Nach 2 Stunden fülle das bisher halbvolle Aquarium um ein weiteres Viertel auf.
    12. Nach einer weiteren Stunde Wartezeit kann das Aquarium bis zu seiner max. Füllhöhe aufgefüllt werden.

    Warum diese umständliche Prozedur?

    Die Fische müssen sich in dieser Zeit an die neuen Wasserwerte gewöhnen.
    Das mit Gasen nahezu gesättigte Leitungswasser muss in dieser Zeit vom Filter "durchgearbeitet" werden. Die im Leitungswasser unter Druck gelöste Luft entweicht in dieser Zeit, man kann das gut an den Luftblasen sehen, die sich an den Aquariumscheiben absetzen.
    Bitte beachten, dass empfindliche Zierfische bei dieser Prozedur Schaden nehmen könnten.
    Wenn Wasserwechsel bisher immer in grossen Abständen und kleinen Mengen vorgenommen haben, z.B. monatlich 1/4 oder weniger, sollte diese "Radikalkur" NICHT vorgenommen werden. In diesem Fall könnten die Zierfische tatsächlich schwer geschädigt werden.
    Zur Gewöhnung der Fische könnte man in den Wochen vor dem Umzug die Wasserwechselintervalle und Wechselmenge deutlich erhöhen.

    Die "Schnelle Methode" der Übersiedelung von Zierfischen mit grossen Frischwassermengen sollte wirklich nur im Notfall durchgeführt werden. Nimm dann in jedem Fall soviel Wasser wie möglich vom alten Aquarium mit.
    Bei der Übersiedelung von Meerwasseraquarien ist nur die Methode mit dem bereits eingelaufenen Aquarium empfehlenswert.

    Lg,
    Jürgen
     
    #1 21. Juni 2003
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