Verwendung von jodiertem Salz in der Süsswasser-Aquaristik

Dieses Thema im Forum "Allgemeines zum Thema Aquaristik" wurde erstellt von Jürgen Ha, 28. Dezember 2003.

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Verwendest Du hochjodiertes Salz mit Hilfsstoffen?

  1. Ja, meine Fische vertragen das ohne weiteres

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  2. Nein - zu unsicher, verwende nur Meersalz

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  3. Ich verwende niemals Salz

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  1. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    Hallo,

    ich hab mich schon oft gefragt warum eigentlich alle zuverlässigen Buchautoren die Verwendung von jodiertem Speisesalz für unzulässig erachten und von einer Verwendung im Aquarium abraten. Ich hab das schon so oft gelesen, dass ichs aus meinem Hinterkopf nicht mehr rausbekomme und in Fach-Gesprächen auch immer zur Verwendung von unjodiertem Salz rate.

    Dabei scheint mir noch die Erklärung am plausibelsten zu sein, dass die im Lebensmittelhandel erhältlichen jodierten Speisesalze auch Hilfsstoffe enthalten, die die Rieselfähigkeit des stark hygroskopischen (wasserliebenden) Salzes erhalten sollen (z.B. gelbes Blutlaugensalz) UND empfindliche Fische schädigen könnten.

    Neben der Abwägung zwischen "Schad"- und "Nutzwirkung von reinem NaCl bzw. gebrauchsfertigen synthetischen Meersalzmischungen bei therapeuthischer Verwendung im Aquarium müsste man sich also Gedanken darüber machen, ob diese Zusatzstoffe bei Langzeitverwendung nicht doch vielleicht schädlich sein könnten.

    Zugegeben, ich habe bei kurzfristiger Verwendung von jodiertem Speisesalz, wenn das Meersalz mal ausgeging, auch keine Nachteile bei der Artemia-Inkubation bzw. Auswirkungen auf die Fischbrut nach dem Verfüttern der Nauplien erkennen können. Keine Missbildungen, keine erhöhte Sterblichkeitsrate, keine Auswirkungen auf Wachstum oder spätere Fertilität, Färbung oder Verhalten. Kurzfristig, wie gesagt. Aber über Jahre hinweg?

    Keine Ahnung. Vielleicht beeinflussen Jod oder Blutlaugensalz die Bildung von Sexualhormonen, die für den mangelhaften Brutpflegetrieb vieler Cichliden-Nachzuchten verantwortlich sind? Ich weiss es nicht, nein, das kann nicht sein, Unfug; und ich spekuliere weiter und weiche vom eigentlichen Thema ab: niemand weiss es, weil es nicht untersucht wurde.
    Eine Salzbehandlung mit Kurzbad oder als Dauerbad bzw. regelmässiger vorbeugender Anwendung von jodiertem Salz im Hälterungs-, Zucht- oder Gesellschaftsaquarium wurde von mir allerdings nie durchgeführt.

    Also hab ich mich mal (in Ermangelung erklärender Literatur zu diesem Thema) ein wenig im Internet umgesehen und werde einige Autoren zu diesem Thema zitieren, um Argumente zu finden, die die Verwendung von jodiertem Speisesalz als unlässig (oder zumindest unnötig) erscheinen lassen:

    "Die Medizinischen Folgen von zuviel Jod bei den Fischen sind bekannt: Hyperplasien, innerlich und äusserlich erkennbare Kiemenschwellungen und Schwellung anderer Organe oder Tumoren(leber, Niere, Milz usw.). Allerdings ist es leicht zu beheben: Bei Weglassen des Jods gehen im Allgemeinen die Symptome zurueck. Reine Vergiftungserscheinungen sind auszuschliessen, die Giftwirkung ist zu klein." >> mehr.
    Tumore usw... Giftwirkung... Kiemenschwellung... Weglassen. Eine Literaturquelle ist leider nicht angegeben worden.

    Veterinärmedizinisches Institut München: "Eventuell 0,3% Kochsalz jodfrei (= 3 Gramm pro Liter oder 3 kg pro m3) zugeben", gefunden in einem Artikel zur Behandlung von Koi-Karpfen. >> mehr.
    Veterinärmedizinisches Institut, Empfehlung: Kochsalz jodfrei... also jodfrei, warum denn?

    Zum Thema Blutlaugensalz: "Natriumferrocyanid, gelbes Blutlaugensalz: Natriumferrocyanid ist eine künstliche Rieselhilfe, Trennmittel und Stabilisator mit der E-Nummer E535. Es ist nur für Kochsalz und Kochsalzersatz zugelassen. Natriumferrocyanid ist eine Verbindung der hochgiftigen Blausäure. Durch die Bindung an Eisen verliert sie ihre Giftigkeit. E535 darf nur in sehr geringen Dosen eingesetzt werden." >> mehr.

    Auch wenn im menschlichen Organismus diese Rieselhilfe seine Bindung an Eisen nicht verliert und oder Giftigkeit der Blausäure aus einem anderen (mir unbekannten) Grund nicht relevant wird würde mich doch interessieren, welche Veränderungen die Cyanid-Verbindung im weitaus komplexeren biologischen System "Aquarium" durchmacht oder durchlaufen könnte, v.a. in Wechselwirkung mit anderen chemischen Verbindungen (Fischmedikamente).
    Nachdem Speisesalz (mal abgesehen von manchen Meersalz-Sorten) eigentlich immer mit Antibackzusatz verkauft wird, weils so schön rieselfähig bleibt (und nicht zu "matschen" anfängt wie das in der Aquaristik verwendete Meersalz) scheint mir eine Warnung vor der Verwendung von jodierten Speisesalz für aquaristische Zwecke nachvollziehbar, zumal bei den meisten Autoren derartiges Hintergrundwissen vorhanden sein dürfte (oder zumindest korrekt "zitiert", um nicht "abschreiben" zu unterstellen, wurde).

    Um also die Unschädlichkeit von jodiertem Speisesalz fürs Aquarium zu dokumentieren (von Flouriden lass ich mal die Finger, obwohl der Marktanteil von flouridiertem + Speisesalz z.B. in der BRD bei 50 % liegt) müsste man eine entsprechende Versuchsreihe starten, beginnend bei Bakterien und Einzellern, endend bei Wirbellosen und in der Folge Wirbeltieren. Eine derartige Versuchsreihe mit öffentlich zugänglichen Daten gibt es meines Wissens nach nicht oder ist mir nicht zugänglich.

    Nachdem weder Jod noch Blausäureverbindungen in den Zuflüssen des Amazonas oder den Weichwassergebieten Asiens (mal von Brackwasserbereichen in Mündungsgebieten abgesehen) in diesen Konzentrationen natürlich eingetragen werden dürften oder im Wasser nachweisbar sind, grenzt die nicht hinterfragte Verwendung von einem oder beiden der angesprochenen Inhaltsstoffe an ein aquaristisches Experiment mit offenem Ausgang, wobei die augenfällige Unschädlichkeit nicht beweist, dass es nicht doch zu Folgeschäden beim Süsswasserfisch (auch im Hinblick auf folgende Nachzucht-Generationen) oder der microbiologischen Aquarienflora/fauna kommen könnte.

    Man könnte geneigt sein eine derartige Vorgangsweise durchaus vorsichtig als "Versuch" zu bezeichnen, der beim Fisch durch Reizung der empfindlichen Schleimhäute (Blausäureverbindung!) möglicherweise sogar Schmerzen hervorruft. Mag schon sein, dass das weit hergeholt ist; aber solange das Gegenteil nicht erwiesen ist sollte man normales jodiertes Speisesalz m.E. nicht verwenden, nur weils billiger ist, mittel- oder kurzfristig keine negative Summenwirkung der enthaltenen Hilfsstoffe auftritt und die Fische nicht dagegen protestieren können. Man spart doch auch sonst nicht an Mittelchen.

    Meine Frage an das Forum wäre daher: welche Quellen (Literatur) weisen auf die Unbedenklichkeit von Jod in den handelsüblichen Konzentrationen incl. der Blutlaugensalze hin, und für welche (Süsswasser) Fischarten könnte Jod in welcher chemischen Verbindung und Dosierung schädlich sein?
    Die zweite Frage der Jodzugabe ist auch deshalb interessant, weil die Mengenzugaben der verschiedenen Salinen länderspezifisch unterschiedlich hoch sind. In Deutschland etwa wird im Handel jodiertes Salz mit einem Zusatz von 32 mg Kaliumjodat bzw. 20 mg Jod pro Kilogramm angeboten. Der Jodzusatz selber erfolgt von den Salinen freiwillig, es gibt keine Verpflichtung, Speisesalz zu jodieren. Kaliumjodid, so hab ich herausgefunden, wirkt desinfizierend und durchblutungsfördernd, es soll sogar in Fischmedikamenten enthalten sein. Aber gilt das auch für Kaliumjodat?

    Ich halte hier eine Dose jodiertes österreichisches Speisesalz in der Hand, das 1.500 µg Jod / 100 g enthält (15 % des Tagesbedarfes an Jod für den Menschen). Es gibt also in den Ländern Europas, wahrscheinlich abhängig von der mengen- und produktmässigen Bevorzugung oder Verfügbarkeit der Grundnahrungsmittel, verschiedene Vorgaben für die Menge an Jod, die dem Salz zugesetzt wird, damit das Volk "gedeiht", obwohl alle EU-Bürger ("Menschen") den gleichen Organismus und gleiche Stoffwechselvorgänge aufweisen.
    Eine vorgeschriebene exakte Jodierung von Speisesalz wird vermutlich deshalb auch nie allgemeingültiges EU-Recht werden, weil die Ernährungsgewohnheiten in den einzelnen Ländern zu unterschiedlich sind. Wenn jedoch beim Lebewesen "Mensch" mit genauestens untersuchter Lebensart und -weise kein Nenner für alle Länder gefunden werden kann, um wieviel seltsamer scheint dann eine pauschale Aussage wie "Jodsalz schadet Fischen NICHT" im Kontext dieser Betrachtungsweise? Bei den vielen unterschiedlichen Biotopen? Bei den vielen unterschiedlichen Ernährungsweisen? Bei den vielen, teilweise hoch- und höchstspezialisierten Lebensweisen?

    Ich weiss nicht, warum die eine Fraktion (die grössere übrigens) aus nachvollziehbaren Gründen zu jodfreiem Salzgebrauch rät und die andere Seite die Verwendung von jodiertem Salz als "bedenkenlos" legitimiert, ohne plausiblere Argumente dafür zu finden, als dass augenscheinlich (nicht-Brackwasser-)Fische nicht viel anders auf die im Salz enthaltenen Zugaben reagieren als es bei Verwendung von natürlichem oder synthetischem Meersalz ohnedies der Fall wäre.

    All den Bemühungen, den Fischen das Aquariumleben so naturnah oder angenehm wie möglich zu gestalten, spricht doch die künstliche (und vorsätzliche!) negative Veränderung der chemischen Wasserzusammensetzung durch unnatürliche hohe Jodkonzentrationen und Blausäureverbindungen entgegen!

    Aber vielleicht bin ich nicht ganz "up to date", was diese Frage betrifft. Ich hätte stets ein schlechtes Gewissen dabei, wenn ich wüsste, dass Ichthyologen, namhafte Buchautoren und Aquarianer mit ausgezeichnetem Fachwissen vom therapeuthischen Gebrauch jodierten Speisesalzes im Kurz- oder Dauerbad oder sonstigen Anwendungsformen abraten, ich es aber trotzdem verwenden würde, mit keinem anderen als dem Gedanken im Hinterkopf: "Ja, klar - aber ich nehms trotzdem".

    Ich meine: Jodiertes Salz mit Antibackzusatz (und all den anderen Inhaltsstoffen) ist in dieser Form und Zusammensetzung ein für Menschen konzipiertes (Grund-) Nahrungsmittel und hat schon deshalb im Aquarium nichts verloren. Auch wenn eine Vorgangsweise schon jahrelang bewusst oder aus Unwissenheit "so" praktiziert wird, kann es jahrelang falsch gemacht werden, Beispiele dafür gibt es genug.

    Auf Postings wie "Ich verwende Jodsalz schon seit Jahren und habe keine Probleme damit" freue ich mich besonders, vor allem wenn sie meine Gegen-Argumente in der Art entkräften können: "Jod ist für alle Süsswasserfische gesund, Blausäure ebenfalls, und damit die Fische im Amazonas nicht ständig krank werden sollte man ihnen die gleichen Bedingungen wie in meinem Aquarium schaffen".

    Hmm... jetzt habe ich glatt 5 Stunden an dem kleinen Artikel geschrieben, damit die Argumentation Hand und Fuss hat. Habs immer wieder verschoben, aber jetzt ist mir (auch im Hinblick auf MEINE weiteren Empfehlungen, KEIN künstlich "hoch"jodiertes Speisesalz samt Hilfsstoffen aus dem LEH für aquaristische Zwecke zu verwenden) wohler.

    Lg Jürgen
     
    #1 28. Dezember 2003
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  3. Leo
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    Hallo Jürgen!

    Erstmal: Kompliment zu Deinem Artikel! Hast Dir (wie immer) toll Mühe gegeben.
    Und dann meine Gedanken zum Jod: Ich hab' da was im Hinterkopf, daß die Meeresalgen, die ja so gesund sein sollen als Futter (Algenblätter, Spirulina...) unter anderem auch Jod enthalten. Und es wird im Meersalz auch Jod drin sein, die Frage ist, in welcher Menge im Vergleich zum jodiertem Speisesalz.
    Und so manches Flockenfutter soll ja auch unter anderem Salz enthalten - ist das jodiert oder nicht?
    Und die zweite Frage: Wie verhält sich das Jod im Körper?
    Wird es eingelagert, gespeichert, sammelt sichs an, blockiert dann irgendeine Stoffwechselvorgänge oder wird's ausgeschieden und ist dann weg.
    Ich hab' halt noch die allseits bekannte Schauergeschichte von dem Kropf im Kopf - "tuts Jod essen, kriegts keinen Kropf..."
    Also ganz und gar ohne Jod werden die Fische auch nicht durchkommen, ich meine jetzt als Spurenelement.
    Zur "Giftigkeit" - denk an Paracelsus, der da meint, die Dosis macht das Gift. schade eigentlich, daß jeder davon abrät, jodiertes zu verwenden, ohne eine Begründung mitzuliefern.
    Andererseits: Sind nicht gerade gaanz junge Fische sehr empfindlich?
    Da müßte man dann bloß zwei 60er-Becken aufsalzen, das eine mit, das andere ohne Jod, links und rechts die gleiche Menge Fischlaich reingezählt und das ganze mehrfach wiederholen und fertig wär der Test - wo die Aufzuchtrate signifikant höher ist....
    Und zum Trennmittel: Wenn das nicht drin ist, wird ja das Salz auch schwerer, weils Wasser anzieht. Ich hab mir von Paps die tolle Waage bauen lassen, und wiege brav das Salz für die Artemia-Zucht...wenn das Trennmittel weg ist, stimmt mir mein Gewicht nicht mehr, muß ich mir einen Dichte-Messer zulegen... :roll:
    Da denke ich wohl praktisch. Wußte aber bisher natürlich nicht, daß da was mit Blausäure drin ist. :shock: :twisted:
    Werde dann wohl Reiskörner reinwerfen, als "natürliches Antiklumpenmittel"
    Für meine Fische verwendete ich bis dato das normale Meersalz ausm Supermarkt - jodiert wohlgemerkt. (Ist aber fast fertig, wird nur noch zur Artemia-Zucht eingesetzt, wenns ganz aus ist, flitz ich um ein richtiges Aquariums-Meersalz...) Aber so toll riesige Erfahrung mit Salz hab' ich ja gar nicht - Der letzte Schwung neuzugekaufter Guppys und Platys wurde in ganz schwacher Salzkonzentration in Quarantäne gehalten, und das eine mal zur "Bekämpfung" oder besser Vorbeugung von dem Oodinium bei den jungen Corys - das hat aber auch nicht allzulange gedauert...Tja und die Artemia-Züchterei halt. Aber das hört auch wieder auf, weil die Fischlis so schnell aus diesem Futter herauswachsen, wär schön, es gäbe die größer auch (so 1mm Durchmesser wär toll, hat da noch niemand gentechnische Experimente gemacht??? :wink: )
    (Das mit der Gentechnik ist bitte als Scherz am Schluß gedacht, damit das trockene Fachgesimple nicht so bei den Ohren rausstaubt...)

    Liebe Grüße!

    Leo
     
    #2 29. Dezember 2003