Bandwurmbefall bei Discusfischen

Dieses Thema im Forum "Zierfischkrankheiten und Plagegeister" wurde erstellt von Jürgen Ha, 3. Juni 2003.

  1. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    Hallo,

    Ich möchte mal von einem ungewöhnlichen Parasitenbefall berichten: Bandwürmer bei Discusfischen (Symphysodon aequifasciatus haraldi).

    Bandwürmer treten bei Zierfischen ziemlich selten auf, darum scheint es mir berichtenswert, wie die Behandlung in diesem Fall erfolgt ist. Der "befallene" Fisch gehört einem Freund, der die Tiere in einer Gruppe von 6 halbwüchsigen bis adulten (=ausgewachsenen, geschlechtsreifen) Tieren, bestehend aus Rottürkis-Discus, Pigeon-Blood-Discus und Red Marlboro-Discus, pflegt. Das Aquarium ist ein 150x50x50 cm Becken. Beifische sind Rote Neon, Panzerwelse und Saugwelse.

    Zuerst ein paar Grundlagen zu Bandwürmern:

    Symptome eines Bandwurmbefalles: geschwollener Bauch, gestörtes Schwimmverhalten, Abmagerung
    Die Parasiten treten am häufigsten bei importierten Fischen oder Wildfängen auf. Die Würmer benötigen einen recht komplizierten Lebenszyklus mit mehreren Wirtswechseln:

    Lebenszyklus von Bandwürmern wie Ligula und Schistocephalus (Schema aus: Gesunde Zierfische, Tetra Verlag, leider vergriffen)

    1. Infizierte Fische werden von Vögeln gefressen und die Vollfinnen (Wurm in einer bestimmten Entwicklungsstufe) entwickeln sich im Vogeldarm zu geschlechtsreifen Bandwürmern
    2. Erwachsene Bandwürmer leben im Darm fischfressender Vögel (Endwirt)
    3. Eier gelangen mit dem Vogelkot ins Wasser
    4. Aus den Eiern schlüpfen freischwimmende Larven (Coracidium)
    5. Die Larven werden von Ruderfusskrebsen oder Würmern (Copepoda, "Cyclops", Tubifex-Würmer, beide beliebte Fischfuttermittel in gefrorener oder gefriergetrockneter Form) gefressen und entwickeln sich zu weiteren Larvenstadien (Proceroid, Vorfinne). Der Copepode ist der 1. Zwischenwirt im Zyklus.
    5. Infizierte Copepoden oder Tubifiziden werden von Fischen gefressen. Nachdem die Vorfinne die Darmwand durchbohrt hat entwickelt sie sich in der Körperhöhle des Fisches zur Vollfinne (Plerocercoid). Der Fisch ist der 2. Zwischenwirt im Zyklus.


    Um einem Befall vorzubeugen sollte man kein möglicherweise infiziertes Lebendfutter verfüttern, d.h. keine Ruderfusskrebse oder Tubifex aus natürlichen mit Fischen besetzten Gewässern, in denen auch z.B. Möwen oder Reiher fischen könnten.

    Bandwürmer können bis 10 m lang werden, erwachsene Würmer und Larven in Fischen messen zwischen einigen cm bis 40 cm Länge. Bandwürmer resorbieren (=aufnehmen) ihre Nahrung über ihre Körperoberfläche. Aufgebaut sind Würmer ähnlich einer Gliederkette aus einzelnen Segmenten. Jedes Glied (Proglottide) enthält einen kompletten Satz von Fortpflanzungsorganen und zahllose Eier bzw. Embryonen. Der Bandwurm schnürt ein Glied ab und das gelangt mit dem Kot in die Aussenwelt.

    BEHANDLUNG

    Im vorliegenden Fall wurde der Bandwurmbefall direkt am Fisch festgestellt. Das Bild zeigt einen etwa 1 1/2 jährigen Discusfisch, dem ein Stück eines Bandwurmgliedes aus dem Maul hängt.

    [​IMG]

    Eine tierärztliche Untersuchung des Wurmes (das Wurmglied wurde konserviert und nach Wien geschickt) ergab die Diagnose: Bandwurm (Ligula sp., wahrscheinlich Ligula intestinalis)
    Das Ungewöhnliche an dem Bild: Bandwurmglieder gehen mit dem Kot ab oder hängen einige Zeit aus dem After und werden später meistens im Becken liegend gefunden. Im vorliegenden Fall wurde das Bandwurmglied vom Discus aufgenommen, d.h. gefressen. Es zeigten sich bei keinen anderen Discusfischen Symptome wie geschwollener Bauch, Abmagerung oder gestörtes Schwimmverhalten. Es wurde auch kein Lebendfutter verfüttert, im Discusfischbestand befanden sich auch keine Wildfänge.

    Erklärung: in der Gruppe musste ein Fisch mit nicht akutem, weil nicht direkt über Symptome erkennbarem, Bandwurmbefall sein. Vielleicht der Fisch, der mit dem Bandwurmglied im Maul fotografiert wurde. In diesem Fall wäre es am wahrscheinlichsten, dass der Fisch vom Züchter bereits mit dem Bandwurmbefall erworben wurde.

    Behandlung: In Abwägung, ob der gesamte Zierfischbestand im Schaubecken oder der einzelne Fisch behandelt werden sollte wurde die Entscheidung getroffen, den befallenen Fisch und den gesamtem restlichen Fischbestand im Hälterungsaquarium zu behandeln. Zu beachten war, dass empfindliche Zierfischarten Antiwurmmittel (=Anthelminthika) möglicherweise nicht gut vertragen. In dem Becken waren neben Panzerwelsen auch Welse der Art Hypancistrus zebra (L-46).

    Methode: Beim Tierarzt wurde das verschreibungspflichtige Medikament Praziquantel besorgt. Eine Portion Rindfleisch (Discus-Quick) wurde aufgetaut und mit einer Messerspitze Praziquantel vermischt. Diese Futtermischung wurde für drei Tage dosiert und sofort wieder eingefroren. Da die Discusfische nicht scheu sind und "aus der Hand" fressen konnte die Verabreichung über das Futter mit dieser Methode gut durchgeführt werden. Nach dem Ende der Behandlung wurde ein Teilwasserwechsel im üblichen Rahmen von 1/3 des Beckenvolumens durchgeführt.

    Weitere Bandwurmglieder sind seither nicht mehr gefunden worden. Ob die ganze Behandlung soweit überhaupt nötig war und ob es im Schauaquarium ohne Behandlung früher oder später zu weiteren Infektionen bei den anderen Discusfischen oder Welsen gekommen wäre lässt sich schwer sicher beurteilen. Jedenfalls dürfte die Entscheidung, alle Fische im Hälterungsaquarium zu behandeln, richtig gewesen sein. Weitere Infektionen sind - wie gesagt - bisher nicht beobachtet worden, und es waren bei den Zierfischen in weiterer Folge auch keine (unerklärlichen) Ausfälle zu beklagen.
    Oder - es war einfach nur "Glück", dass dieser Fall nicht eingetreten ist. Jedenfalls ist - von der Effizienz und Nachhaltigkeit des Therapieerfolges her - die Behandlung ALLER Beckeninsassen notwendig. Vor allem bei Camalanus cotti, dem Fräskopfwurm (Fadenwurm), ist eine derartige Behandlungsform auf jeden Fall notwendig (keine Separierung in einem Quarantäne-Aquarium), weil die Würmer viel kleiner sind und sich nicht "mit einzelnen Bandwurmgliedern" im Aquarium lokalisieren lassen,

    meint Euer :glass:
    Lg
    Jürgen
     
    #1 3. Juni 2003
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