Krankheiten vorbeugen durch artgerechte Haltung

Dieses Thema im Forum "Zierfischkrankheiten und Plagegeister" wurde erstellt von Jürgen Ha, 8. Februar 2003.

  1. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    Krankheiten vorbeugen durch artgerechte Haltung

    Wenn man einige wichtige Grundregeln beachtet sollte es wirklich nie oder nur selten zum Ausbruch von Krankheiten kommen. Diese Grundregeln könnte man verkürzt folgendermaßen formulieren:

    Bieten Sie Ihren Fischen eine Umwelt und eine Ernährung, die so weitgehend wie möglich den natürlichen Bedürfnissen der Zierfische entsprechen.

    Dadurch werden Stress-Situationen unterschiedlichster Art weitgehend vermieden und die Fische sind in der Lage, eine gesunde Immunabwehr aufzubauen. Als Stress gelten alle Zustände, die von dem für die betreffende Fischart gewohnten "Normalzustand" abweichen. Dabei kommt es nun nicht darauf an, den Lebensraum einer Fischart möglichst originalgetreu nachbilden zu wollen, was in den allermeisten Fällen sicher wenig ästhetisch sein wird, vielmehr müssen die Bedüfnisse, die dieser Lebensraum erfüllt, auch im Aquarium so weitgehend wie möglich erfüllt werden.
    So sollten Fische, die Pflanzenverstecke lieben, nicht in "kahlen" Aquarien gepflegt werden, oder grosse Buntbarsche aus dem glasklarem und sauerstoffreichem Malawisee nicht in 54 Liter Aquarien-"Tümpel" gestopft werden. Herkunft und Art der Pflanzen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Es hat noch keinem "Südamerikaner" geschadet, wenn er sich in asiatischen Wasserpflanzen verstecken musste.

    Fehlen jedoch Pflanzen bzw. andere Dekorationsmaterialien, die das Bedürfnis nach Verstecken befriedigen, so kann, aufgrund der dadurch entstandenen dauerhaften Stress-Situation, das Immunsystem der Fische geschwächt und der Ausbruch von Krankheiten gefördert werden.

    Fische, die unterschiedliche Ansprüche an die Wasserqualität stellen, sollten nicht zusammen gepflegt werden, Friedfische nicht zusammen mit potentiellen Raubfischen gehalten und Überbesetzung des Beckens grundsätzlich vermieden werden... die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Informieren Sie sich vor dem Kauf von Zierfischen entweder in der einschlägigen Fachliteratur oder in einem Beratungsgespräch bei Ihrem Zoo-Fachhändler, welche Fische entsprechend deren Bedürfnissen am besten zusammenpassen.
    Dabei kommt es nicht unbedingt darauf an, nur Fische aus einem Erdteil (Artenbecken) im Aquarium zusammen zu halten. Allein die Ansprüche und Bedürfnisse der Arten müssen zusammenpassen. Fische "passend zur Tapete" oder nach dem Motto "einen blauen habe ich schon, jetzt brauche ich noch einen roten" auszusuchen und zu kaufen, ist verantwortungslos gegenüber dem Lebewesen Fisch. Viele Anfänger machen gleich zu Beginn diesen gravierenden Fehler.
    So wird verständlicherweise die Geduld des Neulings stark strapaziert, wenn er nicht gleich nach Aufstellung seines mit Stolz erworbenen Aquariums dieses auch mit Fische bevölkern darf, sondern 2-3 Wochen warten soll und während dieser Zeit das "leblose", nur mit Pflanzen, Dekorationsmaterial und ev. Schnecken oder Garnelen besetzte Aquarium ansehen muss.

    Die für das spätere Funktionieren des Aquariums lebensnotendige Kleinlebewelt (Microfauna), vor allem die nitrifizierenden (= Nitrit abbauenden, "gute" Bakterien) Baktierien, benötigen diese Zeit, um sich erfolgreich zu etablieren. Sie sorgen damit dafür, dass die hinzugesetzten Fische nicht gleich an einer Nitritvergiftung Schaden erleiden oder sterben.

    Diese Wartezeit kann durch die Anwendung von Bakterien-Startern diverser Hersteller, (z.b. JBL Denitrol, Sera nitrivec, Tetra Bactocym, Dennerle FB 4, Amtra Clean)verkürzt werden. Diese Präparate enthalten nützliche Reinigungsbakterien in konzentrierter Form, die sich im Filter ansiedeln und vermehren können und dadurch für ein schnelleres "Einfahren" (= Herstellung eines biologischen Gleichgewichts) des Aquariums sorgen.

    Weiterhin ist es wichtig, sich eine möglichst harmonisierende Fischgesellschaft für das in Frage kommende Becken zusammenzustellen, und nicht wöchentlich neue Fische einzusetzen. Einerseits bringen die Neulinge unter Umständen die etablierte "Rangordnung" der Altinsassen durcheinander mit der Folge, dass Reviere und bevorzugte Aufenthaltsplätze neu ausgefochten werden müssen, was Stress bedeutet.
    Andererseits sind die "Neuen" durch Fang und Transport bereits geschwächt und müssen sich in ein neues Milieu eingewöhnen. Auch das bedeutet erheblichen Stress und kann oft zum Ausbruch von Krankheiten führen.

    Der oft gemachte Schluss: "Der Händler hat mir kranke Fische verkauft", trifft in den seltensten Fällen zu.
    Latent (=ständig) vorhandene Krankheitserreger können, begünstigt durch die Stress-Situation, in der sich die neu erworbenen Fische befinden, den Fisch leichter befallen und so den Ausbruch einer Krankheit verursachen.
    Ein weiterer oft vorkommender Fehler ist das anfängliche häufige Hantieren im Aquarium, also das ständige Zurechtzupfen von Pflanzen, Umstellen der Dekoration und Herausfangen von kleinsten Schmutzpartikeln etc. Der Versuch, ein klinisch sauberes Aquarium von Anfang an herzustellen, wird mit Sicherheit misslingen.

    Lassen Sie z.B. ruhig den Filter erst einmal für sechs Wochen in Ruhe. Eine zunehmende Bräunung des Filterschwammes bei Innenfiltern ist - wenn es sich nicht um Mulm handelt, der am Anfang normalerweise nicht vorhanden ist - kein Zeichen für Schmutz, sondern ein Hinweis, dass sich nützliche Bakterien ansiedeln. Jeder Versuch, den "schneeweiss" gekauften Schwamm wieder sauberzubekommen wird die Einlaufzeit des Aquariums verlängern und die Fische durch eine zunehmende Nitrit-Konzentration schön langsam umbringen. Oft ist es dann auch so, dass die Beckeninsassen bei einem gewissen Nitritwert (NO2), an den sie sich "gewöhnt" haben, gerade noch überleben, dass aber neu zugekaufte Tiere, die aus nitritfreiem Wasser kommen, entweder gleich oder nach wenigen Stunden sterben.

    Beim Einsetzen neuer Fische und nach unvermeidlichen Wartungsarbeiten im Aquarium sollten Sie immer einen guten Wasseraufbereiter zugeben, z.b. Tetra Aqua Safe, JBL Acclimol, Sera aqutan. Diese Aufbereiter erleichtern durch bestimmte Inhaltsstoffe (z.B. Vitamin B, Methylenblau, Chelate) die Eingewöhnung der Neuinsassen und vermindern den Stress der Fische.
    Dadurch wird der Ausbruch von Krankheiten meistens erfolgreich verhindert. Am Besten wäre es, wenn Sie Ihre neu erworbenen Zierfische 4-6 Wochen in einem separaten Quarantäne-Aquarium unterbringen, das die gleichen Wasserverhältnisse aufweist wie im Gesellschaftsaquarium.

    Lassen Sie dem Aquarium und den Fischen Zeit, "zusammenzuwachsen" und setzen Sie nicht am Anfang täglich die Pflanzen um oder ändern die Dekoration.

    Das Bild, vor allem der Pflanzen, wird sich im Laufe der Zeit sowieso ändern, da diese ihre Blattform und -farbe erst den speziellen Bedingungen in Ihrem Aquarium anpassen müssen. Und dazu brauchen sie Ruhe. Natürlich wird von Zeit zu Zeit ein regelnder Eingriff nötig sein, da wir es ja mit einer künstlichen Miniaturwasserwelt zu tun haben, die sich nicht in dem Maße von selbst regelt wie in der freien Natur.
    Also Pflege ja, aber mit Fingerspitzengefühl. Dazu gehört vor allem auch der regelmässige Teilwasserwechsel mit anschliessender Zugabe eines guten Wasseraufbereiters und die regelmässige Überprüfung der wichtigsten Wasserwerte.

    In diesem Sinne :glass:
    Lg
    Jürgen
     
    #1 8. Februar 2003
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