Vorgehensweise bei Fischkrankheiten, Teil I

Dieses Thema im Forum "Zierfischkrankheiten und Plagegeister" wurde erstellt von Jürgen Ha, 6. März 2003.

  1. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    10 begleitende Maßnahmen
    zur Verbesserung des Therapieerfolges bei erkrankten Aquarienfischen
    Teil I

    Stichwörter: Diagnose - häufige Zierfischkrankheiten - ansteckende Krankheiten - Quarantäne-Aquarium - Filtermaterialien - technische Anlagen

    1. Nach der Diagnose

    Nach der Diagnose (=Erkennung) der Krankheit können Sie das entsprechende Medikament einsetzen. Gehen Sie bei der Diagnose nicht "nach Gefühl" oder nach Verdacht vor, sondern bestimmen Sie die Krankheit systematisch, anhand eines Buches oder mit Hilfe Ihres Zoo-Händlers, aufgrund beobachteter Symptome (= typische Kennzeichen). Gehen Sie bei Überschneidung von Symptomen mehrerer möglicher Krankheiten nach dem Ausschlussverfahren vor, welche Krankheit es NICHT sein kann. Behandeln Sie gleichzeitig auftretende Krankheiten wenn möglich mit einem Kombinations-Präparat gleichzeitig oder nach der Dringlichkeit der Therapie hintereinander, wenn Wasserwechsel oder Wartezeiten zwischen den einzelnen Behandlungen mit verschiedenen Präparaten notwendig sind.
    Meistens treten bei Zierfischen verschiedene Krankheiten (leider) gleichzeitig oder kurz hintereinander auf, z.b. Flossenfäule mit Bauchwassersucht, Weißpünktchenkrankheit (= Ichthyopthirius multifiliis, "Ichthyo") und/oder Oodinium/Flossenfäule (sekundär = nach Vorschädigung der Fischschleimhaut), Lochkrankheit und Hexamita, etc. etc...
    Eine lange Liste erschreckender Krankheiten, und je mehr man sich als "Neuling" in die entsprechende Literatur einliest, desto kranker wird der Fisch. Zum Glück gibt es gegen die häufigsten Zierfischkrankheiten sehr gute und rezeptfreie Medikamente im Fachhandel. Leider ist es nicht damit getan, das Mittelchen ins Aquarium zu tropfen. Genauso wichtig oder noch bedeutender ist es, die richtigen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Therapie zu schaffen.

    Ganz allgemein glaube ich aus meiner Erfahrung sagen zu können, dass es nur wenige Krankheiten gibt, die einen seuchenartigen, schnellen und lawinenartigen, alle Zierfische betreffenden, Verlauf im Aquarium nehmen. Die wichtigsten wären:

    Ichthyo: Gegenmittel: Kupferpräparate, Salz; sehr gut heilbar, weisse Pünktchen an den Flossen und am Fischkörper in grösserer Zahl, nicht verwechseln mit Guppyseuche, die flächig auftritt; ähnlich kann ein eingekapselteter toter Erreger in der Fischschleimhaut oder Flosse aussehen, diese treten aber nur vereinzelt (1-3 pro Fisch) auf, müssen nicht behandelt werden und "wachsen" mit den Flossen wieder aus
    Oodinium: Gegenmittel Kupferpräparate, Acriflavine, Methylenblau, Salz; sehr gut heilbar; Dunkelfärbung, Absonderung, leicht "silbriger" Überzug auf der Schleimhaut, Stresskrankheit
    Kiemenwürmer: Gegenmittel Fachhandelspräparate, Formalin, Flubendazol, Pestizide; je nach Stamm gut bis gar nicht heilbar; meist bei Buntbarschen (Discusfische, Zwerbuntbarsche), Labyrinthfischen; einseitiges Atmen mit einer Kieme, Flossenklemmen, Schnellatmigkeit
    Neonkrankheit: Gegenmittel Fachhandelspräparate, verschreibungspflichtige Antibiotika, schwer heilbar, Farbverlust, kann auch andere Salmler betreffen
    Maulschimmel (bakterielle Infektion): Gegenmittel Sulfonamide (BACTRIM), sehr gut heilbar, wird leider immer zu spät erkannt, kann alle Fische binnen Stunden dahinraffen; meist hervorgerufen durch Überbesatz, weisse Ränder ("Milchbart") rund ums Fischmaul
    Discusseuche (bakterielle Infektion): Gegenmittel Fachhandelspräparate, Antibiotika; meistens einhergehend mit massivem Oodinium-Befall, schwer heilbar, Absondern der Fische, Dunkelfärbung, Schleimhautablösung in Fetzen. BACTRIM oder OSMON FORTE (Sulfonamide) können gut helfen.
    Guppyseuche (bakterielle Infektion):
    schwer definierbares Krankheitsbild mit verklebten Flossen, weisslichem Belag meist am hinteren Fischkörer und weissen kraterartigen Aufbrüchen am Ansatz der Rückenflosse; meistens eine Mischinfektion mit Oodinium und Bakterien, Behandlung mit Fachhandelspräparaten, unterstützend mit Salz
    bakterielle Infektion: meistens Dunkelfärbung des Fisches, schnelle Atmung, Schaukeln, blutige Schuppenansätze, blutende Flossenansätze, rote Flecken am Fisch; Gegenmittel Fachhandelspräparate oder verschreibungspflichtige Antibiotika, schwierig zu heilen, meistens eine "Zivilisationskrankheit" hervorgerufen durch Überbesatz im Aquarium

    Diese Krankheiten können auch auftreten, wenn Sie alles richtig machen. Sie sind sozusagen NICHT davor gefeit. Meistens treten sie auf, wenn neue Fische gekauft wurden oder kurz danach, und dann meist als Folge von Stress. Mehr über Stress bei Zierfischen und wie man den Fischen Stress ersparen kann im Artikel "Vermeiden von Zierfischkrankheiten".
    Die oben angeführten Krankheiten treten meistens ziemlich massiv auf, d.h., es kann der komplette Fischbestand oder nur eine ganze Fischfamilie, z.b. alle Salmler oder alle Buntbarsche können davon betroffen sein. Derartige Krankheiten behandeln Sie am besten im Hälterungsaquarium.
    Zierfische die an Krankheiten leiden, die meistens Einzelfische betreffen, wie Bauchwassersucht, Glotzauge oder Lochkrankheit, werden am besten in einem Quarantäne-Aquarium behandelt. Das gleiche gilt auch für Einzelfische, die Symptome einer Krankheit mit seuchenhaftem, also einer möglicherweise alle Fische betreffenden Entwicklung, zeigen. Diese Fische so schnell wie möglich ins Quarantäne-Auarium setzen, mit der Therapie beginnen und hoffen, dass es bei dem Einzelfall bleibt.

    Meistens ist es angebracht, VOR der Therapie einen Teilwasserwechsel durchzuführen, der von der Menge her nicht umfangreicher ausfallen sollte, als Ihre Fische das bisher gewohnt sind. Beachten Sie, dass viele Medikamente im weichen Wasser oder im stark nitratbelasteten Wasser giftiger auf den Fischorganismus wirken können als im härteren Wasser und härten Sie notfalls auf oder erhöhen den pH-Wert (z.b. mit Speisesoda für den pH-Wert oder einem Osmose-Pulver für GH/Kh).
    Bei metallhaltigen Heilmitteln, wie sie in Medikamenten gegen Ichthyopthirius, Oodinium oder Hexamita enthalten sind, dürfen Sie KEIN Wasseraufbereitungsmittel nach dem Wasserwechsel zusetzen. Führen Sie den Tw-Wechsel mit abgestandenem Wasser durch, das sie ggf. temperieren, wenn Sie mehr als 1/4 des Beckenvolumens tauschen müssen. Der Aufbereiter würde das Medikament sofort binden und unwirksam machen!

    2. Ansteckende Krankheiten:

    Bei ansteckenden Krankheiten separieren sie sofort den betroffenen Fisch oder die betroffene Fischgesellschaft und behandeln in einem Quarantäne-Aquarium. Vermeiden Sie wenn möglich die Therapie im Gesellschafts-Aquarium, und zwar aus mehreren Gründen:

    1. Wenn es sich nur um einen oder wenige Fische handelt ist es besser, nur diese zu therapieren und die anderen Tiere nicht auch unter Medikamenteneinfluss zu setzen. Jede Therapie belastet auch die gesunden Tiere massiv.

    2. Ich würde davon ausgehen, dass die Wirkungsweise von Medikamenten laut Gebrauchsanweisung für die Verwendung in Aquarien ohne Dekoration entwickelt und getestet worden ist, um einigermassen standardisierte und wiederholt beweisbare Ergebnisse (= Heilerfolge unter definierten Bedinungen) zu erhalten. Jedes biologisch gut funktionierende Aquarium wird die Wirksamkeit von Medikamenten massiv beeinträchtigen, sodass womöglich die angegebenen Konzentrationen auf der Verpackung gar nicht ausreichend sind, um einen normalen Heilprozess zu erreichen. Ein Überdosieren des Präparates nach der Methode: "zwei Teebeutel für die Tassen, einen für die Kanne!" kann für empfindliche Fische wie Rote Neon oder viele Saugwelse tödlich enden. Ich selber dosiere immer etwa das 1,2 fache der empfohlenen Menge an Medikamenten ins Aquarium. Man muss dann aber schon einigermassen gut bescheid wissen, jede Therapie von Fall zu Fall neu beurteilen und die Auswirkungen abschätzen können. Gehen Sie immer von den empfohlenen Dosierungen auf der Verpackung aus!
    Typisches Beispiel für die Verschleppung des Heilungserfolges im Gesellschaftsaquarium könnte das 2-Wochen-Ichthyo sein: nach Zugabe eines bestimmten Präparates in der empfohlenen Dosierung, das einen Heilungserfolg nach etwa 4 Tagen verspricht, haben am 12. Tag immer noch einige Zierfische den Erreger am Körper.

    3. Die meisten Pflanzen reagieren empfindlich auf Medikamente. Vor allem feinfiedrige Pflanzen wie Cabomba oder Ceratophyllum lassen beim Einsatz von acriflavinhältigen Präparaten über Nacht ihre Blätter fallen. Im schlimmsten Fall zerstören oder beeinträchtigen Sie Ihren Pflanzenwuchs auf Monate hinaus und handeln sich in der Folge eine massive Algenplage oder Einzellertrübung (graues Wasser) ein.

    4. Wenn Sie öfter Therapien mit kupferhältigen Medikamenten im Gesellschaftsaquarium durchführen, wird sich im Bodengrund ein Depot aus (mit handelsüblichen Kupfertests nicht nachweisbaren) Kupfercarbonaten bilden. Dieser "Kupferschlamm" liegt als Zeitbombe in Ihrem Aquarium vor und kann bei pH-Wert-Schwankungen, wie das bei Wasserwechseln öfter vorkommt, schlagartig als - sagen wir mal - freies, "aktives Kupfer" wassergelöst vorliegen. Folge: Ihre Zierfische, wenigstens die empfindlicheren, werden massive Vergiftungserscheinungen zeigen und eingehen (Worst-Case Szenario). Jedenfalls vergiften Sie damit unwissentlich und oft nach Jahren chronisch Ihre Zierfische. Die Haltung von empfindlichen Welsen kann damit zunichte gemacht werden. Diese Tiere leben am Bodengrund immer in direktem Kontakt mit dem ausgefallenen Kupferverbindungen, und so mancher rätselhafte Ausfall an L-Welsen könnte sich so erklären lassen.

    5. Die meisten Medikamente zerstören nicht nur Bakterien oder Einzeller oder deren Vermehrungsstadien am Fisch oder im freien Wasser, sondern töten oder schädigen auch die nützlichen Bakterien, Ein- oder Mehrzeller im Aquarium oder im Aquariumfilter. Kontrollieren Sie deshalb unbedingt laufend den Nitrit-Wert in Ihrem Becken, wenn eine Behandlung im Sepa-Aquarium nicht möglich ist (z.b. weil Sie keines besitzen), was uns zu Punkt 6. in dieser Reihe führt:

    6. Kaufen Sie sich ein Quarantäne-Aquarium, das mindestens das Volumen von 1/4 des Gesellschaftsaquariums aufweisen sollte. Das Becken darf nicht eingerichtet sein, sollte keinen Kies und keine Pflanzen enthalten und auch wenn möglich nicht direkt beleuchtet sein. Ein Filter sollte NICHT installiert sein, eine Belüftung mittels Lufpumpe und Ausströmer MUSS sein. Ein Heizstab ist natürlich für tropische Zierfische auch selbstverständlich. Verwenden Sie im Quarantäneaquarium den Filter nur, wenn Sie Neuzugänge einige Wochen vor dem Einsetzen ins Gesellschaftsaquarium beobachten möchten. Sie können in diesem Fall auch Wurzeln und Pflanzen verwenden, und zwar setzen Sie die Pflanzen in normale Blumentöpfe ein, die Sie bei Bedarf rasch wieder entfernen können.
    Vergessen Sie in dem Zusammenhang nicht, zu den neuen Tieren einen oder ein paar Fische aus Ihrem eingelaufenen Aquarium zu setzten und beide, Neuzugänge und "Altfische", zu beobachten. Was hilfts, wenn die Neuzugänge im Quarantäneaquarium gesund und munter sind, dann aber beim Umsetzen ins Gesellschaftsaquarium erst recht Ihren alten Fischbesatz mit einer neuen Krankheit anstecken oder - umgekehrt - angesteckt werden. Beachten Sie auch, dass Zierfische bestimmter Zuchten Erreger tragen können, gegen den sie selber immun sind, d.h., sie erkranken daran nicht, können aber andere Fische, die noch niemals Kontakt mit dem Erreger hatten und keine Immunität aufgebauen konnten, infizieren.

    3. Aktivkohle, absorbierende Filtermedien

    Entfernen Sie chemisch/physikalisch absorbierend wirkende Filtermedien, wie z.b. Aktivkohle, Zeolith, Nitrex, Phosphat-Ex, Nitratharze oder ähnliche Materialien, die möglicherweise Bestandteile der Medikamente herausfiltern könnten. Entfernen Sie hochaktive biologische Filtermedien (z.b. Filterperlen, Siporax) und setzen diese in einen Kübel Wasser, wo sie belüften oder einen Innenfilter laufen lassen, um eine totale Zerstörung der Bakterienflora zu vermeiden. Entnehmen Sie auf jeden Fall einen Teil des Filtermaterials, um eine spätere Wiederbesiedelung der geschädigten oder zerstörten Bakterienflora zu erleichtern oder zu beschleunigen, oder lassen Sie den Filter lieber gleich in einem Kübel Wasser laufen. Biofilter müssen Sie aus dem Aquarium-Kreislauf entfernen, vergewissern Sie sich, dass sich nicht wieder ein "Schlaumeierfisch" im Biofilter verirrt hat.

    4. Technische Anlagen

    Zusätzliche technische Anlagen wie UV-Wasserklärer können Medikamente zerstören oder chemisch/physikalisch in ihrer Wirksamkeit verändern, also unbedingt ausschalten. Das gleiche gilt für Ozonisatoren oder Oxydatoren.
    Reduzieren Sie - wenn möglich - die direkte Beleuchtung des Beckens von oben auf ein Minimum, Licht wirkt sich negativ auf die Wirksamkeit der Medikamente aus und zerstört sie.
    Senken Sie die Wassertemperatur auf 25 °C ab. Zu warmes Wasser wirkt sich nachteilig auf die Dauerhaftigkeit der Medikamente aus. Ausnahme: Sie behandeln mit Hilfe der Temperatur Discusfische in schweren Fällen von Ektoparasitenbefall.
    Belüften Sie das Aquariumwasser auf jeden Fall zusätzlich, um einer Sauerstoffverknappung infolge absterbender Bakterienflora oder Pflanzenteile vorzubeugen.

    Bitte lesen Sie weiter im 2. Teil: Unterstützende Maßnahmen währende der Behandlung - Gebrauch von Salz - Vitaminkur

    In diesem Sinne :glass:
    Lg
    Jürgen
     
    #1 6. März 2003
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