Vorgehensweise bei Fischkrankheiten, Teil II

Dieses Thema im Forum "Zierfischkrankheiten und Plagegeister" wurde erstellt von Jürgen Ha, 18. März 2003.

  1. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    Stichwörter: Gebrauch von Salz - Maßnahmen während der Behandlung - Vitaminkur

    5. Unterstützende Maßnahmen während er Behandlung

    a.) Salzzugabe: Die Zugabe von jodfreiem Meersalz hat sich als einfache, aber wirkunsvolle Maßnahme zur Unterstützen des Behandlungserfolges bewährt. Salz können Sie als Kurzbad über 10-20 min anwenden (15 - 20 g/l = 3-4 Teelöffel) oder als Dauerbad über 3-5 Tage (0,1-0,5 g/l = 1-25 Teelöffel/50 Liter). Für ausgesprochene Weichwasserfische wie Rote Neon oder Discus nehmen Sie max. 5 Teelöffel / 50 Liter als Dauerbad, kein Kurzbad bei diesen Fischen durchführen, die Salzkonzentration wäre zu hoch und die Fische könnten Schaden nehmen. Mit Salz lassen sich einzellige Parasiten, Pilze, Hydra, Egel und parasitische Krebse wie Karpfenläuse gut bekämpfen.

    Im Fachhandel gibt es Salze (z.B. Ektozon), die den Kochsalzgehalt (NaCl) im Aquarium nicht erhöhen. Es handelt sich dabei um Natriumperborate, die zwar den Leitwert (= elektrische Leitfähigkeit des Wassers, Maßeinheit: µS/cm = Microsiemens) erhöhen, jedoch Ihr Süsswasseraquarium nicht in ein Brackwasserbecken verwandeln. Diese Präparate kann man wöchentlich vorbeugend ins Aquarium dosieren, manche sollen sogar den Pflanzenwuchs fördern, was ich für ein schönes Märchen halte. Jedenfalls spricht nichts dagegen, wöchentlich 1-2 Teelöffel Meersalz / 50 Liter ins Aquarium vorbeugend reinzugeben, wenn Sie regelmässig einen Teilwasserwechsel durchführen. Sie dosieren dann auf die entnommene Wassermenge entsprechend nach. Die meisten Pflanzen vertragen diese Konzentration ohne weiteres, auch fast alle Zierfische kommen mit diesem Salzgehalt gut zurecht.

    Vorteile regelmässiger Salzzugaben:
    - Salz vermindert die schädliche Wirkung von zu niedrigen pH-Werten und vermindert die Giftigkeit von erhöhten Nitrit-Werten (= Nitrit-Toxizität)
    - durch die Erhöhung des Leitwertes verringert sich die Zahl schädlicher Keime im Aquarium
    - Härteliebende Zierfische wie z.B. Black Molly oder Guppys leben länger, und die Weibchen können leichter ihre Jungen werfen. Geburtsschwierigkeiten bei Guppy-Weibchen können so wirksam verhindert werden (Totgeburten, zu viele missgebildete Jungfische)
    - Sie haben weniger Probleme mit Ektoparasiten wie Ichthyo oder Oodinium, wenn Sie regelmässig Salz verwenden. Kleinere Verletzungen, wie sie in Cichliden-Becken bei Revierstreitigkeiten ständig vorkommen können, führen weniger häufig zu entzündlichen Reaktionen oder in der Folge zu sekundären (= der Verletzung nachfolgenden) Pilzinfektionen.

    Nachteile regelmässiger Salzzugaben:
    - die Erhöhung des Leitwertes kann Weichwasserfische oder empfindliche Pflanzen schädigen
    - bei Vernachlässigung von Wasserwechseln können Sie Ihr Süsswasseraquarium allmählich in ein Meerwasseraquarium verwandeln
    - die Entwicklungsrate vieler Eier von tropischen Zierfischen verschlechtert sich durch einen zu hohen Leitwert. Vor allem Gelege von Discus-Fischen oder Roten Neon können sich bei Leitwerten über 100 µS nicht mehr vollständig entwickeln. Die Eier bzw. Zellkerne können sich durch den herrschenden osmotischen Druck nicht weiter entwickeln und gehen zugrunde, das Gelege wird weiss und verpilzt.

    Wirkung des Salzes im Quarantäneaquarium:
    Salz bewirkt eine osmotische Veränderung für den Fisch, auf die er mit einer verstärkten Schleimhautabsonderung reagiert. Da sich viele Parasitenerreger auf oder in der Schleimhaut befinden, werden sie bei der Schleimhauterneuerung mit entfernt und können im Wasser vom Heilmittel abgetötet werden.

    Konzentration g/l

    0,1 % 1 g allg. Zusatz, Dauerbad
    0,3 % 3 g bei Verletzungen, Dauerbad
    verringert Nitrittoxizität
    0,3-0,5% 3-5 g bekämpft Hydra
    1% 10 g unterstützend bei Geschwüren
    langsame Anpassung, dann
    Dauerbad, sonst 10-20 min
    2-3% 20-30 g zum Entfernen von Egeln
    bei Teichfischen, nur kurze
    Bäder 10 - 20 min
    Salzkonzentrationen aus: Tetra, Gesunde Zierfische: Der Gebrauch von Salz (leider vergriffen)

    b.) Süsswasser:

    Das Eintauchen von Meerwassrfischen in Süsswasser kann man als Methode zur medikamentfreien Behandlung gegen Aussenparasiten anwenden. Der Fisch wird für etwa 5-10 Minuten in temperiertes und abgestandenes Süsswasser gesetzt. Dabei gut belüften!
    Bei einzelligen Ektoparasiten sollen 2-3 Minuten ausreichend sein, Würmer lösen sich nach 5-10 Minuten von der Haut. Sobald der Fisch anfängt zu "taumeln" müssen Sie Ihn wieder ins Meerwasser-Aquarium zurücksetzen, und zwar sofort und ohne eine Angleichphase auszuführen. Möglicherweise ist eine derartige Prozedur öfter durchzuführen, beschleunigen kann den Heilungserfolg die Zugabe von kupferhältigen Präparaten ins "Badewasser" (nicht direkt ins Meerwasser-Aquarium geben!). Führen Sie die Süsswasser-Therapie nur bei robusten Arten durch, einige Meeresfische reagieren äusserst empfindlich auf Eintauchen in Süsswasser.

    c.) Vorbeugende Zugabe von natürlichen anibakteriellen oder antimykotischen (=pilzhemmenden) Stoffen ins Aquarium

    Die Zugabe von Torfextrakt (flüssig) oder Torfgranulat (Aussenfilter) hat sich bewährt. Torf wirkt je nach Menge schwach ansäuernd und entkeimend, enthält "vitalisierende" stoffe (auf die ich hier nicht näher eingehen möchte) und "imprägniert" die Schleimhaut der Fische, was sie widerstandsfähiger gegen Parasitenbefall macht. Bitte beachten, dass viele Medikamente nicht im sauren Wasser eingesetzt werden dürfen. Einen ähnlichen Effekt erreicht man mit der Zugabe von Erlenzäpfchen (3-4 Stück/100 Liter, Schwarzerle), Erlenzapfenextrakt (Dennerle), diversen Schwarzwasserkonzentraten (Rio Negro) oder neuerdings Blättern des Mandelseebaums, die als "Bio-Leaf" neu in den Handel gekommen ist.

    6. Vitaminkur

    Sollten die Fische die Nahrungsaufnahme nicht verweigern, kann die Widerstandskraft der Tiere durch die Zugabe von Multivitaminpräparaten gestärkt werden. Futtermitteln oder Futter, das zu lange offen gelagert wurde, enthält kaum noch lebensnotwendige Vitamine. Kaufen Sie also Futter nicht in Grossgebinden, wenn es nicht innerhalb 6 Monaten nach Öffnung der Versiegelung verbraucht werden kann.

    Vitaminpräparate verabreicht man am besten direkt über das Futter. Man betropft eine geringe Menge Flockenfutter oder Granulat mit dem Vitaminpräparat, lässt es einige Minuten einziehen und füttert dann sofort. Futtertabletten kann man sehr gut vitaminisieren. Einfach auf die Tablette tropfen, einziehen lassen und ins Aquarium werfen. So kommen auch Welse und Schmerlen zu ihrer wöchentlichen Vitamingabe.
    Die vorbeugend regelmässige Gabe von Vitaminen direkt ins Aquariumwasser ist dagegen unsinnig. Die Fische nehmen viel zu wenig von den Vitaminen mit dem Wasser auf, und Vitamin C z.B. hält sich bei den tropischen Temperaturen im Aquarium viel zu kurz, um damit einen nennenswerten Effekt zu erzielen.

    Übrigens kann man sogar Frostfutter vitaminisieren. V-maxx von Dennerle haftet gut auf gefrorenem Futter, und man kann damit schlecht fressende Diskusfische, die nur mehr an rote Mückenlarven gehen, wieder aufpäppeln. Regelmässige Vitamingaben kann bei Discus-Fischen übrigens wirkungsvoll die gefürchtete "Lochkrankheit" verhindern, wenn die Ursache nicht direkt in einem Mineralstoffmangel im Aquariumwasser begründet ist.

    Nur bei Nahrungsverweigerung ist eine Zugabe von Vitaminen ins Wasser zulässig, und zwar am besten abends nach dem Ausschalten des Lichtes, da Vitamine unter Lichteinwirkung rasch zerstört werden. Aber dazu sollte es bei vorbeugender Zufütterung von Vitaminen gar nicht kommen.

    Jedenfalls erreichen Sie mit regelmässigen zusätzlichen Vitamingaben erstaunlich viel: die Fische werden lebhafter, zeigen bessere Farben, die Laichbereitschaft wird erhöht und die Lebenserwartung erheblich gesteigert. Auch Zierfischarten, deren Eigelege regelmässig verpilzen oder deren Larven nach einigen Tagen zugrunde gehen, können nach einer Vitaminkur erfolgreich nachgezogen werden. Warten Sie mit der Vitaminzugabe nicht, bis damit im Krankheitsfall das Immunsystem der Fische gestärkt werden soll, sondern verabreichen ein bis zweimal pro Woche vitaminisiertes Futter. Die Fische werden es Ihnen danken!

    7. Nach Abschluss der Behandlung

    a.) Wasserwechsel
    Führen Sie nach jeder Medikamentenbehandlung einen Teilwasserwechsel von mindestens 1/3 des Beckeninhaltes durch, und zwar an drei Tagen hintereinander. Sie können auch kräftigere Teilwasserwechsel durchführen, wenn die Fische bereits daran gewöhnt sind. Verwenden Sie auf jeden Fall einen guten Wasseraufbereiter, der Medikamentenreste binden kann und das Frischwasser für die Fische besser verträglich macht.
    b.) Filterkohle
    Bei Verwendung eines Aussenfilters ist der Einsatz von Aktivkohle sinnvoll. Aktivkohle bindet Giftstoffe organischer und anorganischen Ursprungs. Dabei muss man wissen, dass die Kohle nach einer gewissen Zeit "erschöpft" ist, d.h. sie kann keine weiteren Stoffe mehr aufnehmen. In dem Fall stösst die Kohle leichter gebundene Stoffe wieder massiv ab, um "Platz" zu schaffen für andere Verbindungen. Das kann für die Fische tödlich ausgehen, wenn z.b. über einen längeren Zeit gesammeltes Kupfer schlagartig wieder freigesetzt wird. Daher ist nach jedem Einsatz nach einer Medikamentenbehandlung die Kohle wieder zu entfernen, sie kann dann NICHT mehr verwendet werden.

    8. Revitalisierung des Filters

    Durch Zugabe von Filterbakterienkonzentraten ins Aquariumwasser oder zum Filtermaterial kann die durch das Medikament zerstörte oder beeinträchtigte Bakterienflora schneller revitalisiert werden. Es ist auf jeden Fall angebracht, während der Behandlung mit Medikamenten und auch danach ständig den Nitrit-Wert zu kontrollieren (Tropftest oder Teststreifen). Andernfalls könnte durch die zerstörten Filterbakterien die Wasserbelastung extrem ansteigen und eine Nitrit- oder Ammoniakvergiftung könnte die Folge sein.

    9. Ursachen für die Erkrankung finden

    Wenn sich Ihre Fische auf dem Wege der Besserung befinden oder wieder gesund sind, sollte man sich Gedanken über die Ursache der Erkrankung machen.
    Die Hauptursachen für Fischerkrankungen mit seuchenhaftem Verlauf sind Überbesatz, fehlerhafte Wasserwerte, mangelnde Filterung und einseitige Ernährung. Erst dann folgen Gründe wie eine vernachlässigte Quarantäne oder der Kauf von kranken Zierfischen in Ihrem Zoofachgeschäft.

    10. Hälterungsbedingungen

    Informieren Sie sich immer nach den jeweiligen Hälterungsbedingungen für Zierfische, die Sie erwerben möchten. Sie sind für die Fische, die Sie kaufen, verantwortlich und müssen Sie entsprechend artgerecht pflegen. Machen Sie nicht den Zoo-Fachhändler verantwortlich dafür, dass sich gewisse Fische nicht vertragen, wenn Sie nicht gefragt haben, ob sie sich vertragen,

    meint :glass:
    Lg
    Jürgen
     
    #1 18. März 2003
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  3. Philipp
    Philipp Bekanntes Mitglied
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    Ein Beispiel zur Behandlung von Ichthyo

    Hi!
    Ich hab zwar (aus Mangel an Fischen im Aquarium) bisher noch keine Probleme mit Ichthyophthirius multifiliis, bin aber beim surfen über foldgende Seite gestoßen. Auf ihr wird die Behandlung mit Salz und Vitaminen beschrieben. Ob dort alles richtig gemacht wurde will ich nicht beurteilen - geklappt aht es aber anscheinend.

    http://ute.schoessler.bei.t-online.de/ichty.htm

    ps: die schlafende Prachtschmerle gefällt mir am besten :)
     
    #2 16. Mai 2003
  4. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    Re: Ein Beispiel zur Behandlung von Ichthyo

    Hallo,

    hab mir die Seite angeschaut, kommt gut an.

    Ich denke mal dass 3 Gründe für das Verschwinden des Ichthyo bei den neu eingesetzten Zierfischen verantwortlich sind:

    1. Temperaturerhöhung auf 30 °C (später bis auf 31 °C)
    2. Salzzugabe
    3. niedriger Zierfischbesatz

    Zwar ist nicht erwähnt wieviele Fische in dem Aquarium sind, ich gehe aber einmal davon aus, dass der Besatz schön niedrig gehalten wird wie sichs gehört. Bei niedrigeren Besatzdichten finden die infektiösen Vermehrungsstadien von Ichthyopthirius multifiliis (sog. "Schwärmer") schwieriger einen neuen Wirt als in überbesetzten Aquarien. In natürlichen Gewässern z.B. wird Ichthyo als massiver Befall am Einzelfisch niemals auftreten.

    Die abwechslungsreiche Fütterung der Prachtschmerlen wie sie auf dieser Site beschrieben wird verdient jedenfalls Anerkennung und :respekt:

    Die schlafende Prachtschmerle allerdingst ist ein Hit:

    [​IMG]

    Man könnte manchmal wirklich erschrecken wenn man Schmerlen so seitlich daliegen sieht - und muss schon 2x hinschauen...

    Lg :glass:
    Jürgen
     
    #3 17. Mai 2003