Guppytanks: sinnvolle und unsinnige anwendungen

Dieses Thema im Forum "Zierfischforum" wurde erstellt von Jürgen Ha, 23. März 2003.

  1. Jürgen Ha
    Jürgen Ha Moderator
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    Hallo,

    Einmal ein paar gedanken zur verwendung von sogenannten "guppytanks". Es gibt im handel einige typen, die mehr oder weniger gut geeignet sind, junge Guppy, Platy oder Black Molly vor dem gefressenwerden durch das alttier oder andere beckeninsassen zu schützen.

    Guppytanks oder ähnliche vorrichtungen sind m.e. immer nur eine notlösung, wenn kein extra-aquarium zur zucht oder zum isolieren von nachzuchten oder kranken fischen zur verfügung steht.
    Als übergangslösung sind sie aber durchaus brauchbar, schnell zu installieren und in der anschaffung auch nicht übermässig teuer. Durch den mehr oder weniger guten wasseraustausch kann man die behälter mit dem filter, heizer und der beleuchtung des "hauptaquariums" betreiben und hat dieselben wasserverhältnisse wie im hälterungsaquarium.

    Guppytanks verwendet man hauptsächlich für lebendgebärende zierfische, und zwar als eine art "geburtsstation" oder "aquarium-kreissaal". Das trächtige alttier wird von den übrigen aquarium-insassen in dem behälter isoliert und soll dort die jungen werfen. Die schwierigkeit besteht darin, den richtigen zeitpunkt für das einsetzen des tieres zu finden. Meistens werden die trächtigen weibchen zu früh eingesetzt, weil sie nach dem fressen dick und kugelrund sind und aussehen, als würden sie jeden moment platzen. Das beste merkmal ist der sog. trächtigkeitsfleck, ein bereich über der afterflosse, der sich durch die fast fertig entwickelten jungfische dunkel färbt. Ein paar tage vor dem wurf kann man sogar schon die augen der jungfische durchsehen. Es bedarf schon einiger erfahrung, damit man "den richtigen zeitpunkt" einschätzen kann.

    Folgende arten von Lebendgebärenden Zahnkarpfen kann man - als notlösung - im guppytank zum werfen ansetzen: Guppy (Poecilia reticulata), Platy (Xiphophorus maculatus), Black Molly (Poecilia sphenops), in grösseren behältern (z.b. Hobby Nido II OHNE abtrennung!) auch Schwertträger (Xiphophorus helleri). Eierlegende zierfischarten würde ich nicht im tank oder ablaichnetz zur zucht ansetzen (mehr darüber im beitrag), am ehesten noch - und nicht besonders effektiv - Keilfleckbärblinge (Rasbora heteromorpha), Knurrende Zwergguramis (Trichopsis pumilus) oder Zwergbärlinge (Rasbora maculata).

    1. Tanks mit schlitzen
    Bei diesen tanks sollen die jungfische aus dem behälter, in dem das alttier untergebracht ist, in das aquarium entweichen können. Das aquarium muss dann natürlich fischfrei sein, damit kein mitbewohner den jungen lebendgebärenden gefährlich werden kann. Das becken muss nicht gross sein, ein 24 liter aquarium, ausgestattet mit heizer und einem schwachen filter, der die jungen nicht einsaugt, würde schon genügen.

    Vorteil: die jungtiere müssen nicht mehr abgefischt und in das aufzuchtaquarium umgesetzt werden.
    Nachteil: nicht zur verwendung im gesellschaftsaquarium geeignet.

    2. Tanks mit löchern
    Bei diesen ausführungen können die jungen nicht ins aquarium entweichen, sie bleiben also mit dem alttier im tank.

    Vorteil: man kann die vorrichtung im gesellschaftsaquarium verwenden
    Nachteil: die jungen befinden sich in einem ziemlich kleinen wasserraum mit dem alttier. Bei manchen konstruktionen müssen die jungfische oder eier durch einen trichter auf den boden des behälters fallen. Während das alttier "eingeklemmt" im trichter "hockt" können die jungen im restlichen behälter am trichter vorbei an die wasseroberfläche schwimmen und dort ihre schwimmblase füllen. Manche "guppymütter" haben sich das auffressen ihrer eigenen nachzucht "spezialisiert", in diesem fall ist die verwendung trichterloser tanks zur nachzucht ungeeignet. Ein wenig abhilfe kann es bringen, wenn man wasserpest oder hornblatt lose in den tank gibt, und zwar so viel, dass sich das alttier kaum noch bewegen (= schwimmen) kann. In der not tuts auch eine handvoll grober auseinandergezupfter filterwatte.

    3. Ablaichnetze- oder kästen
    Diese netze eignen sich zum isolieren eines verletzten fisches, zur kurzfristigen aufzucht von jungfischen und als ablaichkasten für lebendgebärende. Sie werden zusammengesteckt, ein netz wird herumgezogen und das ganze verschnürt und über dem beckenrand eingehängt.

    Vorteil: durch das wasserdurchlässige netz erhält man dem fisch, der darin eingesperrt ist, eine relativ gute wasserqualität. Das ist bei den guppytanks nicht immer so, vor allem wenn gefüttert werden muss. Am besten gibt man auch hier eine gute handvoll überschüssiger wasserpflanzen in den ablaichkasten, damit sich die jungen nach dem werfen sofort vor den nachstellungen des alttieren verbergen können. Die relative grösse des netzkastens lässt ihn in der verwendung von allen ablaichhilfen am geeignetsten erscheinen, im gegensatz zu den meisten guppytanks ist die grösse von etwa 12x10 cm richtig luxuriös.
    Nachteil: Die haltbarkeit des netzes ist beschränkt, es veralgt bald und die etwas fragile konstruktion käuflicher produkte ist bei dauerverwendung nicht besonders langlebig.
    Es kommt leider immer wieder vor, dass sich zierfische zwischen netz und aquarienscheibe einklemmen und verenden. Abhilfe: zwei saugnäpfe als "abstandshalter" zwischen scheibe und netzkasten befestigen.

    4. Guppytanks OHNE löcher und schlitze
    Von der verwendung derartiger behälter würde ich abraten. Sie sind einfach ungeeignet zur versorgung des fisches mit "frischem" aquariumwasser und sauerstoff. Am ehesten liesse sich so ein behälter noch zur kultivierung von Mooskugeln oder zur kurzfristigen isolierung von jungen Apfelschnecken (Ampullaria gigas) verwenden.

    Dann gibts natürlich noch mischkonstruktionen mit löchern und schlitzen. Zweckvoll muss es sein und dem fisch soll es nicht schaden.

    Grundsätzliches zur sinnvollen verwendung von guppytanks und ablaichkästen:

    - Guppytanks ober ablaichkästen nur kurzfristig verwendet.
    Die tiere sind dort grossem stress ausgesetzt und haben sicher nicht das "gefühl", dass man sie dort hineinsetzt, um ihnen was gutes zu tun. Hält man die lebendgebärenden zu lange in dem kasten, können sie stessbedingt die jungen zu früh werfen, sodass sie noch nicht lebensfähig sind. Oder die tiere verzögern das werfen der jungen in dem beengten lebensraum, "verwerfen" die embryonen im bauch wieder oder bekommen die jungen noch im eistadium, überhaupt nicht und können daran zugrunde gehen.

    - Guppytanks nicht zur aufzucht von jungfischen verwenden.
    Der schlechte wasseraustausch behindert das wachstum der jungen ganz erheblich. Am besten setzt man die jungen Guppys, Platys, Schwertträger oder Mollys 2-3 tage nach dem wurf in ein separates aufzuchtbecken, das ruhig auch junge Panzerwelse, Antennenwelse oder ein klein wenig grössere jungfische früherer zuchten enthalten kann. Vor allem die aufzucht von antennenwelsen oder panzerwelsen wird in diesen tanks ganz sicher scheitern, die jungfische dieser arten vertragen die schlechte wasserqualität in diesen behältern überhaupt nicht

    - Guppy-tanks nicht zur nachzucht von eierlegenden zierfischen verwenden.
    Die geschlüpften larven sind meistens so winzig winzig, dass sie durch die schlitze oder löcher entkommen werden. In ablaichkästen hängen die geschlüpften larven von z.b. Kardinalfischen (Tanichthys albonubes) an den netzwänden und werden von den fischen im aquarium regelrecht durch das netz "hinausgesaugt".

    - Grosse Schwertträgerweibchen, Segelkärpflinge (Poecilia velifera) oder Messerkärpflinge (Alfaro cultratum) lieber nicht in einem guppy-tank zum werfen ansetzen.
    Diese tiere sind einfach zu gross für diese minibehälter und bekommen immerhin bis zu 60 jungfische. Besser ist der ansatz in einem abgedeckten 24-liter-aquarium, das viele pflanzen enthalten sollte. Diese methode ist übrigens die effektivste und am schonendsten für alle lebendgebärenden. Ich würde diese vorgehensweise allen anderen methoden vorziehen.

    - Der versuchung widerstehen und keine territorialen oder paarbildende zierfischarten wie zwergbuntbarsche oder labyrinthfische in einem guppytank oder ablaichkasten zur zucht ansetzen. Bei kampffischen z.b. wird das männchen das noch nicht laichbereite weibchen mangels versteckmöglichkeiten umbringen.

    - Bei lebendgebärenden: in den kasten nur ein alttier setzen!
    Ausnahme: es handelt sich um eine station, die auch für mehrere weibchen geeignet ist (z.b. Hobby Nido II). Dort sind dann die jungtiere eines weibchens vor dem gefressenwerden durch das andere geschützt.

    - Das ablaichnetz oder den tank immer in nächster nähe zum aquarien-filter installieren, damit ein möglichst guter wasseraustausch mit dem aquarium stattfinden kann. Man kann auch den ausströmer einer luftpumpe in den tank hängen.

    - Einen guppytank mit deckel verwenden!
    Man soll gar nicht glauben wie zielsicher vor allem lebendgebärende springen können. Der tankdeckel muss natürlich gut aufliegen, damit kein altfisch zu den jungen hineinspringen kann. Bei ablaichnetzen kann man eine plexiglasscheibe auflegen, die wiegt nicht viel.

    - Den guppytank fixieren!
    Den tank mit doppelseitigen saugnäpfen an einer stelle im aquarium so befestigen, dass er nicht ständig als "treibgut" von der strömung durch das becken gespült wird.

    - Im zuchtbehälter sparsam füttern.
    Futterreste und kot immer sorgfältig absaugen, am besten mit einem 4/6 mm luftschlauch. Am geeignetsten ist noch die verfütterung von frostfutter, das gut aufgefunden werden kann und deren reste sich gut entfernen lassen.

    Vielleicht hat der eine oder andere schon erfahrungen in der verwendung von "ablaichhilfen" gemacht und kann auch etwas aus der praxis erzählen.

    Viel spass beim nachzüchten,
    meint,

    lg :glass:
    Jürgen
     
    #1 23. März 2003
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  3. Tatjana
    Tatjana Bekanntes Mitglied
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    Hi Leute,

    diesen Thread einfach mal ausgrabe, da ich ihn sehr lesenswert finde.
     
    #2 8. November 2005
  4. Anonymous
    Anonymous Gast
    Stimmt,der ist sehr interessant.Ich dachte die ganze Zeit Ablaichkästen sind so schlecht,weil sie hier immer runtergemacht werden,aber wenn ich diesen Therad lese habe ich doch noch Hoffnung ! :eek:
     
    #3 8. November 2005
  5. Tatjana
    Tatjana Bekanntes Mitglied
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    Hi Christian,

    hast genau gelesen? Jürgen betont immer wieder: Notlösung! Ich ziehe es vor meine Guppys im Becken gebären zu lassen.
     
    #4 8. November 2005
  6. Anonymous
    Anonymous Gast
    Hi,
    ich weiß,NOTLÖSUNG ! Aber das ein oder andere mal habe ich auch schon einen lebendgebärenden in einem Guppytank/Einhänenetz gebären lassen,dann die Jungfische entweder langsam ins Becken oder in ein Aufzuchtaquarium. :zufrieden:
     
    #5 8. November 2005
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